Ehrfurcht in Schwarz-Weiss-Bildern

 

Eigentlich wollte ich mich in diesem Blog wieder einmal einem Raumgestaltungsthema widmen. Aber ich schreibe ihn noch vollkommen im Bann einer Ausstellung, die ich gestern im Museum für Gestaltung in Zürich besucht habe. GENESIS. Die Suche des brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado nach der Welt, wie sie einmal war, wie sie sich formte und entwickelte, wie sie über Jahrtausende existierte, bevor die Beschleunigung des modernen Lebens uns zunehmend vom Wesentlichen unserer Existenz distanzierte (Zitat Lélia Wanick Salgado, Kuratorin und Ehefrau des Fotografen).

   

So werde ich nun zur Pilgerin. Zu einer auf der Suche nach den Schönheiten unseres Planeten. Die Ausstellung dauert noch bis am 23. Juni 2019 und bis dahin kann ich noch viel freie Zeit zwischen diesen opulenten, gewaltigen, berührenden und überwältigend schönen Schwarz-Weiss-Fotografien verbringen. Denn ein Besuch reicht dafür bestimmt nicht.

GENESIS ist ein Werk Sebastião Salgados‘ „danach“. Nach seiner Karriere als Dokumentarfotograf von Menschen am untersten Ende der Gesellschaft. So dokumentierte er die Löscharbeiten an den unter Saddam Hussein im Golfkrieg in Brand gesetzten Ölquellen, das unermessliche Elend in Flüchtlingslagern in Afrika, den Jugoslawien-Krieg. Nach dem Völkermord in Rwanda 1994 konnte er nicht mehr weitermachen. Im Film „Das Salz der Erde“ von Wim Wenders und David Rosier (Salgados‘ Sohn Juliano Ribeiro führte die Kamera), gibt er seiner damaligen Verzweiflung über das Gesehene und Erlebte Ausdruck. Sein Körper rebellierte, seine Seele war zutiefst verletzt und er hatte den Glauben an das Gute in uns Menschen vollends verloren.

Er zog sich auf die Farm seines Vaters im Südosten Brasiliens zurück und widmete sich in den darauffolgenden Jahren seinem Projekt „Instituto Terra“. Seine Frau und er pflanzten zusammen mit hunderten Helfern bis heute zwei Millionen Bäume und verwandelten die ehemals verdorrten und unfruchtbaren Berghänge in üppige Vegetation. Unermüdlich arbeiten seine Frau Lélia und er daran, die von uns Menschen verursachten Schäden umzukehren.

Mit GENESIS zeigt er die Erde als Schöpfung von überwältigender Schönheit und schärft unser Bewusstsein für deren Kostbarkeit.

   

Das Museum war gestern gut besucht. Trotzdem herrschte eine eindrückliche Stille, Unterhaltungen wurden nur flüsternd geführt. Aus Ehrfurcht, denke ich, für eine Persönlichkeit, die uns im Film von Wim Wenders unser hässlichstes Gesicht zeigt und uns verstört zurücklässt, um uns gleichzeitig in gewaltigen Bildern, die einen unglaublichen Sog ausüben, unseren Planeten in seiner einmaligen Schönheit entgegenzuhalten.